Wer zum ersten Mal den ehemaligen Truppenübungsplatz Münsingen besucht, ist erstaunt über die wunderbare Stille und den unerwarteten Anblick. Sanft geschwungene Kuppen, die meist von Wald bedeckt sind, wechseln sich ab mit weiten Grasflächen, auf denen große Schafherden weiden. Der Waldrand verläuft meist gekrümmt und geht fließend in das Offenland über. Gehölzgruppen, Solitärbäume und einzelne Sträucher sind dem Wald vorgelagert und liegen wie eingestreut in der Landschaft. Diese weichen Übergänge bilden ein ungewöhnliches Landschaftsbild, wie es außerhalb des Geländes kaum noch anzutreffen.
Seit dem Abzug der Truppen und der zivilen Bundeswehrverwaltung Ende 2005 ist der Bundesforst als Eigentümer für die gesamte Fläche zuständig und nicht nur für die forstlichen Betriebsflächen wie bisher. Erfahrene Mitarbeiter mit sehr guter Gebietskenntnis sorgen dabei für die notwendige Kontinuität in der Betreuung dieses Gebietes und arbeiten eng mit anderen Behörden zusammen.
Bundesanstalt für Immobilienaufgaben
- Sparte Bundesforst -
Hauptstelle Heuberg
Königstr. 9
72525 Münsingen
Tel. 07381/ 5017105
Im Jahre 1895 wurde der Truppenübungsplatz auf dem Gebiet des „Münsinger Harts“ gegründet. Das Vorhandensein eines großen, weitläufigen und relativ unbewohnten Geländes gab vermutlich den Ausschlag für die Entscheidung zur Anlage eines rund 3.600 ha zählenden Übungsplatz für das XIII. Württembergische Armeekorps auf der Münsinger Alb.
Um den Soldaten und zu Zeiten der beiden Weltkriege den Kriegsgefangenen Unterkunft gewähren zu können, wurde 1896 mit dem Bau des Alten Lagers begonnen. Zu militärischen Hochzeiten waren bis zu 15.000 Menschen am Münsinger Standort untergebracht. Das mit den Jahren mehrfach erweiterte Militärdorf untersteht ab dem Jahre 1996 als "Sachgesamtheit Altes Lager" dem Denkmalschutz.
Durch die intensive Nutzung des Übungsplatzes im Ersten Weltkrieg und in der Zeit danach, ist schnell der Bedarf nach mehr Fläche geäußert worden. Ab 1937 mussten sodann Teile der Gemarkung Trailfingen und das Dorf Gruorn mit seinen 650 Einwohnern der Westerweiterung Platz machen. Auch im Zweiten Weltkrieg diente der Münsinger Platz, zwischenzeitlich zum gemeindefreien Gutsbezirk ernannt, als Übungs- und Zwischenstation für einige Verbände. Der nach dem Ende des Ersten Weltkrieges im Besitz der Reichsarmee befindliche Übungsplatz ging nach 1945 vorübergehend komplett in die Verwaltung der französischen Armee über. 15 Jahre später regelte ein gemeinsames Abkommen die hälftige Mitbenutzung des Truppenübungsplatzes für die deutschen Streitkräfte. Erst im Juli 1992 wurde die deutsche Bundeswehr alleiniger Betreiber des Geländes, die französischen Garnisonen zogen sich auf der Schwäbischen Alb und in anderen Teilen Deutschlands zurück. Zehn Jahre später, aufgrund der Strukturreform der Bundeswehr, wurde der Auflösungsbeschluss des Münsinger Standorts bekannt gegeben.
Für die militärische Nutzung war der vorhandene Wechsel von weiten Grasflächen und Wald von Anfang an ideal für taktische Übungen. Daher wurde auch die extensive landwirtschaftliche Bewirtschaftung, wie sie im 19. Jahrhundert für die Albhochfläche typisch war, im wesentlichen beibehalten. Heute eine interessante Entwicklung, denn so blieb das militärische Sperrgebiet von dem landwirtschaftlichen Wandel verschont. Keine Flurbereinigung und kein Siedlungsdruck, welcher das Gesicht dieser Landschaft verändert hätte. Nur geringfügig werden Düngemittel eingesetzt und so gut wie keine Biozide. Es ist ein Glücksfall, das durch diese Umstände eine unzerschnittene, parkartige Landschaft von kulturhistorischer Bedeutung bewahrt wurde.
Das Gebiet stellt ein Zentrum der Wanderschäferei dar mit landesweiter Bedeutung. Etwa 30.000 Schafe beweiden fast das ganze Offenland, mithin etwa zwei Drittel der Gesamtfläche von 6.700 ha. Für die meisten Schäfereibetriebe sind die Pachtflächen auf dem Truppenübungsplatz von existentieller Bedeutung. Die großen, zusammenhängenden Weideflächen ermöglichen die Hütehaltung als eine traditionelle Wirtschaftsform, die hier immer noch praktiziert wird. Ein Nachteil ist das Risiko, auf Munitionsreste zu treffen. Daraus entstehender Schaden muss der Schäfereibetrieb selbst tragen, jeglicher Anspruch an den Eigentümer ist über sogenannte „Risikopachtverträge“ ausgenommen. Wichtig ist in diesem Zusammenhang die langjährige Erfahrung der Schäfer, die oft schon seit mehreren Generationen die Pachtflächen beweiden und die möglichen Gefahren kennen.
Die Schafbeweidung großer Flächen auf dem Platz ist einer der wichtigsten Faktoren für die Biotopvielfalt. Durch den selektiven Verbiss der Schafe entstehen Kalkmagerweiden mit vielen seltenen Pflanzen- und Tierarten. Sie zählen zu den besonders geschützten Biotopen, die andernorts seit Jahrzehnten immer mehr verschwinden und hier noch großflächig erhalten sind. Duftende Kräuter wie der Feldthymian, der Wilde Majoran und das Echte Labkraut überziehen zu Tausenden weite Flächen und sind wichtige Nahrungspflanzen für zahlreiche Schmetterlinge. Zu den seltenen Pflanzenarten gehören beispielsweise der Frühlingsenzian, das Gemeine Katzenpfötchen und die Mond-Raute.
Lebensraum Wald
Buche, Ahorn, Esche und in kleineren oder größeren Gruppen beigemischte Fichte bilden als Hauptbaumarten die etwa 2.400 ha große Wälder des Truppenübungsplatzes. Die gesamte Waldfläche wurde vor einigen Jahren im Zuge der Waldbiotopkartierung des Landes Baden-Württemberg vollständig erfasst. 151 ha sind dabei als besonders wertvolle Biotope ausgewiesen worden. Strukturreiche Waldbestände im Einschussbereich repräsentieren eine Art Bannwaldsituation. Sie sind von ihrer Baumzusammensetzung und -struktur sowie auch von ihrer Entwicklung her als besonders selten und wertvoll einzustufen. Als „Reste historischer Bewirtschaftung“ sind die Hutewälder zu nennen. Einige Waldflächen beherbergen schützenswerte Pflanzenarten wie den Märzenbecher und bedrohte Tierarten wie die Hohltaube und den Rotmilan. Pflege und Erhaltung dieser wertvollen Biotope waren und sind eine der wichtigsten Aufgaben des Bundesforstes. Auf der verbleibenden Fläche ist nach den Grundsätzen der Bundesforstverwaltung ein naturnaher Waldbau vorgeschrieben. Dies bedeutet den Ausschluss von Kahlschlägen ebenso wie die weit überwiegende Verjüngung der Waldbestände durch natürliche Aussamung.
Das Landschaftsbild wurde nicht allein durch die Schafbeweidung und die forstliche Nutzung geprägt. Nur auf den ersten Blick wirkt die Weidelandschaft geradezu unberührt. Wer genauer hinsieht, bemerkt die Unebenheiten der Geländeoberfläche, die besonders in der späten Abendsonne deutlich hervortreten. Sie wurden durch die Befahrung mit schwerem militärischem Gerät verursacht. Anfangs deutliche Fahrspuren und Erdanrisse wurden meist rasch wieder von der umgebenden Vegetation besiedelt. Die Unebenheiten selbst bleiben jedoch noch lange erhalten. Es sind gerade diese ungewohnten Strukturen, die ganz wesentlich den andersartigen Charakter des Geländes prägen. Einige hier vorkommende Vogelarten brauchen vegetationsarme Bereiche und Störstellen in ihrem Lebensraum. Beispiele dafür sind die stark gefährdete Heidelerche und der vom Aussterben bedrohte Steinschmätzer. Auch eine seltene Heuschreckenart, der Gebirgsgrashüpfer, bevorzugt diese Habitate und würde auf eine Intensivierung der Beweidung empfindlich reagieren. Der Gebirgsgrashüpfer kann auf der Schwäbischen Alb ohne eine stabile Population auf dem ehemaligen Truppenübungsplatz nicht überleben. Die militärischen Fahrübungen ließen nicht nur eine unregelmäßige Geländeoberfläche entstehen. War eine genügend dicke Schicht Kalkverwitterungslehm vorhanden, so bewirkte das enorme Gewicht von Kettenfahrzeugen bei nasser Witterung eine Verdichtung des Untergrundes. Es kam zur Bildung von sogenannten „Panzerwellen“. In den Mulden sammelt sich das Regenwasser und bietet Lebensraum für viele Pflanzen- und Tierarten, darunter auch bedrohte Amphibien wie die Kreuzkröte. Dabei unterliegen die Tümpel einem starken Wandel. Die natürliche Sukzession führt zu einem mehr oder weniger schnellen Verlandungsprozess. Das Kleingewässer verschwindet daher irgendwann völlig, wenn nicht erneut schwere Kettenfahrzeuge das Biotop befahren. Das frisch entstandene Gewässer kann wieder von bestimmten Arten besiedelt werden. Vor allem ausbreitungsstarke Pionierarten wie die bereits erwähnte Kreuzkröte oder die Plattbauchlibelle sind dann häufig anzutreffen.
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